Beppo der Straßenkehrer

In der letzten Woche wurde meine Frau flachgelegt.
Kopfkino aus, bitte! Die Grippe hatte mal wieder zugeschlagen.

Und weil zwei kleine und ebenfalls hustend bis hechelnde Kinder regelmäßig gefüttert und gewaschen werden müssen, blieb mir nichts anderes übrig, als ein paar Tage Urlaub einzureichen und Zuhause zu bleiben. Zwangsurlaub in der Viren-Zuchtanstalt sozusagen.

Alle Leser ohne Kinder können sich keine Vorstellung machen, welch brutale Anarchie ausbricht, sobald die Eltern krank werden. In der Zeit ohne Kinder, bedeutete eine Erkältung noch etwas anderes für mich. Der Körper wollte mir einfach sagen, dass ich fünf Staffeln irgendeiner Serie gucken sollte.

Mit Kindern wird diese Serie lebendig. Eine surreale Mischung aus The Walking Dead, Dexter und Sons Of Anarchy. In Full-HD und Dolby-Surround.

Günther und sein Laubsauger

In den letzten Tagen hatte ich also mehrfach das “Vergnügen”, mit dem Kinderwagen samt insässigem Thronfolger meine Runden zu drehen. Und zwar tagsüber – unter der Woche.

Das sei an dieser Stelle betont, weil es doch einen erheblichen Unterschied macht, ob man am Wochenende oder an einem Werktag durch die Straßen läuft. Sicherlich ist mir das stärker aufgefallen, weil der jammernde und schweißnasse Junge dringend Ruhe benötigte.

Auf jeden Fall, lauerte der Lärm an jeder Ecke: Müllabfuhren, Heckenschneider oder Baustellen. Diesen Lärmpegel kannte ich vom Wochenende bisher nicht.

Mein absolutes Highlight aber war ein älterer Herr mit gelb-gräulichem Schnauzbart – nennen wir ihn Günther. Günther beseitigte gerade in der Einfahrt seines Hauses das erste Laub des Jahres. Und zwar mit einem Instrument, dass es seit einigen Jahren für den technikbewussten Mann gibt: dem Laubsauger.

Günther laubsaugte also stürmisch vor sich hin. Natürlich mit Gehörschutz. Die Einfahrt war nur geschätzte fünfzig Quadratmeter groß. Da muss selbstverständlich professionelles Gerät her… Günther verwendete einen Black+Decker Laubsauger.

Keine schlechte Aktie, dachte ich mir. Knapp 2% Dividende und ein stabiles Unternehmen.

Aber braucht es für diese kleine Fläche wirklich einen Laubsauger? Ich hab direkt mal in die Amazon App geschaut. So ein Ding kostet zirka 100€. In einem Fachhandel sicherlich deutlich mehr.

Beppo der Straßenkehrer

Als ich an dieser Szene mit dem Kinderwagen im Sauseschritt vorbei lief (der Thronfolger war gerade weggedöst), erinnerte ich mich an eine ehemalige Nachbarin.

Das war eine ältere und alleinstehende Dame, die schräg gegenüber unserer alten Wohnung in einem Reihenhaus wohnte. Zum Reihenhaus gehörte eine Garage mit Kiesauffahrt. Täglich stand die Dame vor ihrem Haus und glättete mithilfe eines Holzrechens die Kieselsteine in ihrer Einfahrt. Und sobald der Herbstwind die ersten Blätter von den umstehenden Bäume wehte, sammelte sie diese einzeln per Hand auf.

Anfangs fand ich das sehr merkwürdig. Hatte die denn nichts besseres zu tun als pedantisch die Steinchen hin und her zu schieben? Sobald sie wieder mit dem Auto durchfährt, ist doch eh wieder alles durcheinander.

Dann fiel mir aber die Geschichte von Beppo Straßenkehrer aus dem Buch „Momo“* von Michael Ende ein.

Sie geht so:

Er fuhr jeden Morgen lange vor Tagesanbruch mit seinem alten, quietschenden Fahrrad in die Stadt zu einem großen Gebäude. Dort wartete er in einem Hof zusammen mit seinen Kollegen, bis man ihm einen Besen und einen Karren gab und ihm eine bestimmte Straße zuwies, die er kehren sollte.

Beppo liebte diese Stunden vor Tagesanbruch, wenn die Stadt noch schlief. Und er tat seine Arbeit gern und gründlich. Er wusste, es war eine sehr notwendige Arbeit.

Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter: Schritt – Atemzug – Besenstrich.

Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere, kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen ließen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat. Nach der Arbeit, wenn er bei Momo saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich seine Zunge, und er fand die richtigen Worte. „Siehst du, Momo“, sagte er dann zum Beispiel, „es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man.“

Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: „Und dann fängt man an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen.“

Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: „Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.“ Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: „Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.“

Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: „Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.“

Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: „Das ist wichtig.“

Autor: Michael Ende – Aus dem Buch „Momo“

Von da an nannten wir unsere Nachbarin liebevoll Beppo. Nicht, um uns über sie lustig zu machen. Sondern weil sie die Idee aus der Geschichte von Beppo so wunderbar wiederspiegelte. Das Kehren und Rechen war für sie eine Art Meditation. Ich glaube nicht, dass sie es als Arbeit oder als lästig aufgefasst hat. Sie hat nicht überlegt, wie lange sie noch kehren muss oder wie viele Blätter sie noch aufsammeln muss.

Sie hat einfach Schritt für Schritt und Meter für Meter weiter gemacht.

Mit einem einfachen Rechen aus Holz.

Lebe aktiv!

Wer von beiden ist also glücklicher? Günther mit seinem teuren und lauten Laubsauger? Oder die ältere Dame, die an der frischen Lust und mit eigener Muskelkraft die Blätter aufsammelte?

Günther müsste auch Rentner sein (wie gesagt, es war ja ein Wochentag). Zeit müsste er also theoretisch haben. Was er jetzt in jedem Fall hat, ist Lärm und Stress. Und weniger Geld im Portmonnaie.

Mir hat das ein wenig die Augen geöffnet. Wir wollen immer alles schneller und besser erledigen. Dabei bedienen wir uns gern der neuesten Technik. Daran ist grundsätzlich nichts verkehrt, allerdings verpassen wir so häufig den Ausstieg aus dem Hamsterrad. Damit meine ich an dieser Stelle nicht das berufliche, sondern das private Hamsterrad.

Und der Garten oder Vorgarten ist dafür der perfekte Ort. Frische Luft, meditierendes buddeln in der Erde und vielleicht noch ein paar Spätsommer-Sonnenstrahlen.

Ich denke, ich werde heute Abend mal unsere Einfahrt kehren…

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7 Gedanken zu „Beppo der Straßenkehrer

  • September 20, 2016 um 10:54 am
    Permalink

    Hallo Felix,

    verdammt gut geschrieben! Wie lange lässt du dir für einen Beitrag Zeit?

    Die Frage, wer denn glücklicher sei ist pauschal wahrscheinlich nicht so einfach zu beantworten, denn was hat “glücklich sein”, mit technischer Ausstattung zu tun, bzw. wie man Arbeit erledigt? Vllt. hat Günther dafür in einer anderen Situation eine Ruhephase und empfindet die Einfahrtsarbeit als lästig.

    Ich begreife deine Kernaussage und bin ganz bei dir, warum nicht langsamer werden, vor allem wenn man eh jeden Tag “Freizeit” hat. Aber lustigerweise werden viele ältere Menschen sehr oft noch aktiver und gestresster. Warum? Haben sie vielleicht so viel in ihrem Leben verpasst?

    LG
    Johannes

    Antwort
    • September 20, 2016 um 3:42 pm
      Permalink

      Hallo Johannes,
      interessante Folgefrage. Ich denke, dass kann bei jedem unterschiedlich sein. Die einen begreifen aufgrund vermehrter, vielleicht tragischer Todesfälle in ihrem Umfeld die Endlichkeit des eigenen Lebens. Andere haben endlich Zeit, weil die Kinder aus dem Haus sind. Manche sind mit dieser Zeit und der zusätzlich freien Zeit mit ihrem Partner vielleicht sogar überfordert. Andere haben gemerkt, dass im Job das Maximum erreicht ist und suchen sich neue Herausforderungen.

      Zu deiner ersten Frage: Wenn ich Zeit und Lust habe, schreibe ich an einem Beitrag. Lust habe ich öfter, Zeit aus bereits erwähnten Gründen leider zu selten. Ich versuche aber einfach über das zu schreiben, was mir gefällt und was ich kann. Daher dauert es auch nicht so lange.

      LG
      Felix

      Antwort
    • September 20, 2016 um 8:02 pm
      Permalink

      Schöner Gedanke, Johannes. Jetzt wo du es sagst, fällt mir das auch in meinem Umfeld auf. Ob es an dem Bewusstsein über die eigene Endlichkeit oder einfach mehr Zeit liegt, viele ältere Menschen scheinen einen gut gefüllten Terminkalender zu haben.

      So oder so, habe ich die Anekdote mit dem Laubbläser wie folgt verstanden: Es geht nicht immer darum mit neuen Gadgets immer effizienter zu werden um hier und da noch 10 Minuten mehr Freizeit rauszulocken. Vielmehr geht es darum auch in den alltäglichen kleinen Dingen Schönes zu finden und daraus Freude zu ziehen.

      So oder so ähnlich 🙂
      Beste Grüße
      Pascal

      Antwort
    • September 22, 2016 um 6:53 am
      Permalink

      Hallo Johannes,

      “Aber lustigerweise werden viele ältere Menschen sehr oft noch aktiver und gestresster. Warum? Haben sie vielleicht so viel in ihrem Leben verpasst?”

      Das glaube ich kaum. Wir haben in jeder Sekunde die Wahl, was wir tun und entscheiden uns für das eine und gegen das andere. Dabei sind die Prioritäten im Laufe des Lebens unterschiedlich. Als Jungspund (Du bist noch nicht so alt, wenn ich mich recht entsinne) sieht man das Leben als “unendlich” und sich selbst als “unsterblich” an. (Ich übertreibe, ich weiß, aber die Tendenz kenne ich auch noch von mir selbst.) Je älter man wird, desto eher wird man sich fragen, was wirklich wichtig ist und desto mehr möchte man davon noch umsetzen.
      Auch bei jungen Menschen könnte der heutige Tag der letzte sein, im Alter nimmt die Wahrscheinlichkeit aber zu und die ersten Freunde und Bekannten erkranken mitunter schwer oder sterben gar. Man wird mehr und mehr mit der Vergänglichkeit konfrontiert und spürt den “Druck” etwas noch tun zu wollen deutlicher. Ich denke, daher rührt dieses mitunter nach außen gestresst wirkende Verhalten.
      Ich persönlich lächle auch immer innerlich in mich hinein, wenn sich der rüstige Rentner an der Schlange beim Bäcker geschickt nach vorne schummelt – dabei hätte er doch vermeintlich viel mehr Zeit zum Warten, da er ja nicht arbeiten geht. Ich komme aber ganz langsam in ein Alter, in dem ich anfange Verständnis für diesen “Stress” zu entwickeln.

      Ich würde älteren Menschen auf jeden Fall nicht unterstellen, sie hätten “falsch” gelebt oder so viel in ihrem Leben verpasst. Ich fürchte, wir alle werden auch irgendwann mal so werden. Ich finde das auf jeden Fall deutlich sympathischer als ein inaktives Warten auf das Ende.

      Just my 2 cents
      Dummerchen

      Antwort
      • September 23, 2016 um 10:46 pm
        Permalink

        Hi Dummerchen,

        um ältere Menschen nichts zu unterstellen habe ich eine Frage formuliert und nicht eine pauschale Feststellung. Ich weiß was du meinst und sehe mein Leben schon lange nicht mehr als “unendlich” an. Dafür bin ich schon zu oft mit dem Tod konfrontiert worden, sei es durch einen plötzlichen schweren Unfall, Krankheit oder dem einfachen Dahinscheiden. Sympathischer ist auf jeden Fall ein aktives Warten…aber möglichst ohne dem, vllt. auch nur so wahrgenommenen, Stress.

        LG
        Johannes

        Antwort
  • September 20, 2016 um 11:16 am
    Permalink

    Hi Felix,
    interessante und tiefgehende Gedanken. Die Geschichte von Beppo kenne ich noch gar nicht, scheint aber sehr schön geschrieben zu sein.
    Ich glaube ebenfalls, dass wir in Zeiten von iPhone und anderen Gadgets häufig vergessen was wirklich Freude bereitet. Und das sind halt meistens die einfachen Dinge. Klar könnte man vieles schneller und effektiver gestalten, doch oft liegt die Freude in der simplen Ausführung. Ein Beispiel für mich ist auch das Kochen: Ich könnte mir auch Essen bestellen, der entspannende Part entfällt dann aber leider.
    Schritt für Schritt ist übrigens auch ein gutes Motto für den Vermögensaufbau 😉

    Gute Besserung an deine Frau und beste Grüße
    Pascal

    Antwort
    • September 20, 2016 um 3:30 pm
      Permalink

      Hi Pascal,
      mit Essen kochen hast du sicherlich eine meiner größten Schwächen angesprochen. Ruhig und entspannt was zu Kochen, fällt mir unheimlich schwer. Und das kann ich nicht mal auf die Kinder schieben, denn das war immer schon so… Auch das Essen an sich ist für mich eher zweckgebunden.
      Naja, so habe ich noch etwas, woran ich arbeiten kann 🙂

      Viele Grüße
      Felix

      Antwort

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