Finanz-Fundstück des Monats: “Kita-Beiträge” (WAZ)

Nachdem einige Leser den Sarkasmus im letzten Beitrag nicht verstanden haben, verzichte ich heute auf jegliche Anglizismen. Ich werde es zumindest versuchen. For real.

Nun aber zum Finanz-Fundstück.

Ich bin – offen gesagt – kein Zeitungsleser. Zu langweilig die Reportagen, zu alt die Nachrichten.

In der heutigen Ausgabe der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) gab es allerdings zwei Schmankerl. Erstens einen pfiffigen Spruch zur aktuellen Wetterlage.

WAZ Ausgabe vom 29.05.2018

Zweitens eine knackige Schlagzeile auf der Titelseite:

WAZ-Ausgabe vom 29.05.2018

Zitiert wird eine neue Bertelsmann-Studie zur Finanzierung deutscher Killerviren-Zuchtanstalten. Im Grunde geht es im Leitartikel der WAZ um drei Kernaussagen.

1. Aussage: Einkommensschwache Haushalte zahlen – gemessen an ihrem Haushaltsnettoeinkommen – einen relativ betrachtet höheren Beitrag für die Kita-Betreuung.

Die Aussage ist in meinen Augen Blödsinn. Milde ausgedrückt: irreführend. Sie treibt wieder einmal den Keil zwischen die “Armen” und “Reichen”. Eine Spezialität von uns Deutschen.

Natürlich bezahlen Einkommens-schwache Haushalte relativ betrachtet mehr für Kita-Gebühren. Sie zahlen relativ betrachtet für die meisten Waren und Dienstleistungen mehr Geld.

Man könnte genauso behaupten, dass Einkommens-schwache Haushalte 18,8 % ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, während es bei Einkommens-starken Haushalten nur 10,0 % sind. Bei Ausgaben im Bereich Post und Telekommunikation liegen die Quoten sogar bei 3,9 % zu 1,7 % (*). Einkommens-schwache Haushalte zahlen also doppelt so viel ihres Einkommens für Post und Telekommunikation.

(*) Quelle: Statistisches Bundesamt – “Laufende Wirtschaftsrechnungen – Einkommen, Einnahmen und Ausgaben privater Haushalte“, S 30 f.
Berechnungsgrundlagen: Haushaltsnettoeinkommen: unter 1.300 € / Haushaltsnettoeinkommen: 916 € / Ausgaben für Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren: 172 € / Ausgaben für Post und Telekommunikation: 36 €
Haushaltsnettoeinkommen: 3.600 – 5.000 € / Haushaltsnettoeinkommen: 4.239 € / Ausgaben für Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren: 424 € / Ausgaben für Post und Telekommunikation: 74 €

In der Stadt Marl zahle ich derzeit 186,90 € für eine 35-Stunden-Betreuung. Eltern mit einem durchschnittlichen Haushaltsbruttooeinkommen von 50.000 € zahlen 89,60 €. Ich zahle also derzeit einen doppelt so hohen Beitrag wie der Durchschnitts-Haushalt.

Ist das unsozial?

2. Aussage: Die Kita-Gebühren unterscheiden sich zwischen den Städten und Gemeinden teilweise stark

Träumt Autor Christoph Onkelbach (ein Synonym?) nachts vom sozialistischen Gleichheitsstaat, Andrea Nahles oder Sahra Wagenknecht? Oder von allen dreien?

In der ersten Aussage werden Einkommens-starke Haushalte regelrecht diskriminiert. Und schon im zweiten Punkt soll es ungerecht sein, wenn wohlhabende und Einkommens-starke Städte mehr Geld in die Kita-Betreuung investieren?

Natürlich gibt es Unterschiede in der Höhe der Beiträge. Wozu soll eine zwanghafte Gleichsetzung der Beiträge gut sein?

3. Aussage: Ein Großteil der Befragten würde einen höheren Beitrag zahlen, wenn dadurch die Qualität der Betreuung besser wird

Die Aussage der Befragten halte ich für unglaubwürdig. Wenn man Flugreisende fragt, was ihnen wichtig sei, bekommt man auch Antworten wie Komfort, Pünktlichkeit, Sicherheit und Preis. Aus Erfahrung wissen wir aber, das am Ende fast nur der Ticket-Preis entscheidet. Dazu gibt es auch ein spannendes Marketing-Desaster einer amerikanischen Airline. Leider habe ich keinen Link dazu gefunden. Wer die Story (oh je, ein Anglizismus) kennt, kann gerne einen Kommentar unter dem Beitrag hinterlassen.

Würde man mich fragen, so würde ich auch mit “na klar” antworten. Trotzdem mache ich keine Freudensprünge, wenn der Beitrag erhöht wird.

Fazit

Ich halte die Inhalte des Beitrages für missverständlich. Vor allem die Kernaussage zu den “benachteiligten” Einkommens-schwachen Haushalten, finde ich falsch. Wir leben zum Glück in einem Sozialstaat. Allerdings müssen wir aufpassen, dass der Bogen nicht überspannt wird. In anderen Ländern, würden man gar nicht verstehen, dass manche Eltern mehr Beitrag zahlen als andere. Warum auch? Der Betreuungsaufwand bleibt ja der gleiche.

Vielleicht sollte man erstmal andere Regelungen überdenken. Dazu ein gespielter (aber echter) Witz: Bei uns in Marl gibt es zwei Zusatzregeln zur Beitragsordnung. Erstens: Wenn mehrere Kinder einer Familie in die Kita gehen, zählt bei der Beitragsfestsetzung das älteste Kind. Zweitens, ist das letzte Kita-Jahr beitragsfrei. Meine Kinder sind fünf und zwei Jahre alt. Meine Tochter startet ab August in ihr letztes Kindergartenjahr. Die beiden Zusatzregeln führen nun dazu, dass beide Kinder im nächsten (Kindergarten-)Jahr beitragsfrei sind.

Das finde ich wirklich unsozial.

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6 Gedanken zu „Finanz-Fundstück des Monats: “Kita-Beiträge” (WAZ)

  • Mai 30, 2018 um 5:17 am
    Permalink

    Air Berlin ist bei den Airlines ein gutes Beispiel. Sie haben eine große Marke aufgebaut, aber nur der Preis war entschiedent 🙂

    Gruß,

    Pascal

    Antwort
  • Mai 30, 2018 um 6:09 am
    Permalink

    Ich bin immer wieder überascht, welche Willkür preislich herrscht. Geschwisterregelung etc. Bei uns zahlt man bei 2 Kindern (2&5) 550€ im Monat inkl. Essen bei 35h Betreuung. Wer nur 1 Kind hat (unter 3) und die 55h Betreuung nutzt, zahlt 676 Euro. An sich klingt das alles für mich angemessen, aber als Hausfrau mit gut verdienendem Mann überlegt man sich 2x, ob sich da das Arbeiten lohnt. Ich finds gut, dass es so ein breites Angebot gibt, aber ich beneide Leute, die zusätzlich familiäre Unterstützung bei der Betreuung haben. Ich seh bei meiner Kollegin, wie oft der Kindergarten anruft, weil eins der Kinder krank ist.

    Ich habe nach wie vor keine Ahnung, wie Geringverdiener in Ballungsräumen eine Familie ernähren. Ich bin mir nicht mal sicher, wie das bei uns laufen soll. Wir werden vermutlich beide Teilzeit arbeiten und damit leben, dass nicht jedes Kind ein eigenes Zimmer hat.

    Wie viele h pro Woche arbeiten du & deine Frau?

    Antwort
    • Mai 30, 2018 um 6:59 am
      Permalink

      Es gibt wichtigere Dinge im Leben als Geld.

      Ich arbeite 40 Stunden, bin aber zeitlich recht flexibel. Das macht Vieles einfacher. Vor allem, wenn die Kinder oder einer von uns mal wieder krank ist.
      Meine Frau arbeitet jetzt erstmal wieder 8 Std. als Lehrerin (Vollzeit sind 28 Std.)

      VG / Felix

      Antwort
      • Mai 30, 2018 um 9:42 am
        Permalink

        Hi Felix,
        da muss ich an das Zitat von Dominiks Buch denken:
        “Geld ist nicht so wichtig. Darum ist es mir völlig egal, ob ich 70 oder 50 Millionen Dollar besitze.”

        Mir ist Geld auch nicht wichtig, so lange ich genug hab. Aber wenn ich sehe, dass man 1500 warm zahlt für 4 Zimmer, wird mir anders. Die Kita-Gebühren sind da noch das geringere Übel, sofern man einen Platz bekommt.

        Antwort
        • Mai 30, 2018 um 12:19 pm
          Permalink

          Für mich muss Bildung kostenlos sein. Und das beginnt mit dem Kindergarten.
          Überteuerte Wohnungen sind schon ein neues Thema 🙂

          Antwort
  • Mai 30, 2018 um 12:15 pm
    Permalink

    Auch nicht vergessen werden sollte, dass viele Kommunen (oder Landkreise) Sozialstaffeln bei den Kita-Beiträgen eingeführt haben, so dass einkommensschwache Eltern weniger oder gar keine Elternbeiträge bezahlen müssen. Hart trifft es dann diejenigen, die gerade eben über diesem Schwellenwert liegen, weil sie ja trotzdem relativ wenig verdienen, aber dann die vollen Beiträge zahlen müssen.

    Und rechnet man die ganzen sozialen Ermäßigungen/Vergünstigungen zusammen, fahren die Einkommensschwächsten oftmals unterm Strich besser als die “unterste Mittelschicht” – weil die relativ wenig verdienen, aber eben schon zu viel, um verbilligte ÖPNV-Tickets, Wohnberechtigungsscheine/Sozialwohnungen, Bäderermäßigungen uswusf. zu bekommen.

    Antwort

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