Mit Value Investing ist man kurzfristig immer der Depp

Gestern habe ich mal wieder einen interessanten Podcast gehört. Bei Aktien-mit-Kopf gab es ein Interview mit Buchautor, Unternehmer und Immobilienexperte Dr. Rainer Zitelmann.

Im Kern geht es in diesem Podcast um die Diskriminierung von Reichen, Trumps Steuerreform und die Disziplin beim Investieren.

Die Podcast-Folge war aber nicht deshalb interessant, weil Kolja mal wieder hervorragend “heraus-recherchiert” hat. Vielmehr beschreibt Dr. Rainer Zitelmann sehr schön, welche Faktoren aus seiner Sicht für den langfristigen Anlageerfolg wichtig sind.

Nämlich Geduld, Nervenstärke und Vertrauen in die eigene Strategie.

In Bezug darauf beschreibt Herr Zitelmann ein Phänomen, das alle aktiven Value Investoren kennen (und hassen).

Was ist Value Investing

Wenn du den Begriff Value Investing kennst, kannst du direkt ein Kapitel weiter springen.
Husch, husch – hinfort!

Für Einsteiger klingt der Begriff Value Investing vielleicht etwas abschreckend. Das grundlegende Prinzip ist aber einfach und für jeden nach nachvollziehbar.

Value Investing ist eine Anlagestrategie, bei der Kauf- und Verkaufsentscheidungen für Wertpapiere auf Grundlage fundamentaler Kennzahlen getroffen werden. Die fundamentalen Kennzahlen sollen dabei den inneren Wert des Unternehmens abbilden.

Vereinfacht gesagt geht es also um die Bestimmung des Unternehmenswertes. Diesem fairen Wert steht der aktuelle Preis der Aktie gegenüber .

Allerdings gibt es eine mannigfaltige Auswahl von Kennzahlen und Formeln zur Berechnung des fairen bzw. inneren Wertes. Häufig kommen Value Investoren auch auf unterschiedliche Ergebnisse.

Ich lese derzeit die Biografie von Warren Buffett – Das Leben ist wie ein Schneeball*. Ein wirklich großartiges Buch, das ich allen ans Herz legen kann, die gerne tiefer in den Aktienmarkt und in das Leben des größten Investors auf diesem Planeten einsteigen möchten. Für Einsteiger ist das Buch nur bedingt zu empfehlen.

Im Buch werden die verschiedenen Formen des Value Investing schön beschrieben.

Als Ur-Vater des Value Investing gilt der Wirtschaftswissenschaftler Benjamin Graham, der im Jahr 1934 gemeinsam mit David Dodd das Buch Security Analysis veröffentlichte. Benjamin Graham war ein Lehrer und später auch Freund von Warren Buffett.

Benjamin Graham war ein sehr konservativer und defensiver Investor.

Er entwickelte folgende Formel zu Bewertung von Unternehmen:

Ist das Ergebnis der Formel kleiner als 1, gilt eine Aktie als fair bewertet. Alles über 1 gilt als überteuert.

Als Investor war Graham mit dieser Formel sehr erfolgreich. Allerdings auch zur Zeiten der größten Weltwirtschaftskrise und des zweiten Weltkrieges. Dadurch gab es genügend “Zigarrenstummel” (siehe Buch von Warren Buffett), die er aufsammeln und daraus Profit schlagen konnte. Für Graham war die Qualität von Unternehmen gar nicht so wichtig.

Warren Buffett war etwas liberaler bei seinen Investmententscheidungen. Immer wieder wich er vom konservativen Stil Grahams ab und konzentrierte sich mehr auf das Erkennen einzigartiger Geschäftsmodelle (sogenannter Burggraben). Vor allem griff er aber auch konsequent und mutig zu, wenn sich eine Chance bot.

Sein Freund und Partner Charlie Munger war und ist noch etwas offensiver in seiner Anlagestrategie. Für ihn spielen zukünftige Gewinnerwartungen eine stärkere Rolle. Das ergab sich aber auch daraus, dass es zunehmend weniger unterbewertete Unternehmen gab (nach der Formel von Graham).

Aus diesen drei Sichtweisen entwickelte sich Buffetts Kern-Strategie:

Kaufe hervorragende Unternehmen zu einem guten Preis.

Der Value Investor wird schnell zum Depp

Auf dem Bild unten siehst du drei Charts der Aktie von Novo Nordisk. Novo Nordisk ist ein dänisches Unternehmen und Weltmarktführer im Sektor Diabetes-Pharmazie. Die Umsätze und Gewinne steigen stetig. Die Marge (Gewinnanteil am Umsatz) ist ein Traum und Novo hat praktisch keine Schulden. Das langfristige Geschäftsmodell ist erfolgsversprechend. Für Investoren in Summe ein hervorragendes Investment.

Die drei Charts zeigen die Entwicklung des Aktienkurses, der Gewinne je Aktie, sowie des Kurs-Gewinn-Verhältnisses in den Jahren 2015 bis 2017.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (PE ratio) ist eine Kennzahl zur fundamentalen Bewertung von Aktien und ergibt sich aus dem Kurs einer Aktie geteilt durch den Gewinn je Aktie. Eine Aktie gilt als günstig, wenn das KGV  maximal 15 (bei Wachstumswerten max. 20) beträgt. Alles über 20 (bzw. 25) gilt als teuer. Es gibt definitiv bessere Kennzahlen zur Aktienbewertung als das KGV – aber für unser Beispiel ist es ausreichend.

Quelle: www.macrotrends.net

Bis Mitte 2016 hatte die Aktie von Novo Nordisk ein KGV von rund 25 und war damit – aus Sicht des Value Investing –  zu teuer.

Nachdem die Geschäftszahlen zum ersten Quartal 2016 schon mager waren, gab es im Halbjahres-Bericht dann eine Gewinnwarnung. Durch eine Vertragskündigung für das Insulinmedikament NovoLog und zunehmenden Preisdruck, wurden die Umsatz- und Gewinnziele korrigiert. Die Aktie brach ziemlich übel ein – von 52$ im Juni auf 41$ im September 2016. Ein sattes Minus von 20%.

Fundamental hatte sich aber nicht so viel verändert. Das Unternehmen war weiterhin gut aufgestellt und hatte neue Medikamente in der Pipeline.

Das KGV lag nun bei 18.
Für Value Investoren also eine hervorragende Möglichkeit zum Einstieg.

Das Problem ist: Wer als Value Investor eine unterbewertete Aktie kauft, macht kurzfristig häufig Verluste damit. Denn die technische Aktien-Analyse spielt beim Value Investing keine Rolle. Dadurch greift man schnell in ein fallendes Messer. Die Aktie fällt noch ein paar Wochen und Monate.

Eine solche Abwärtsbewegung bei schlechten Nachrichten ist häufig übertrieben. Ähnlich geschehen im Fall von ProSieben Sat1 Media.

Irgendwann setzt eine Bodenbildung des Aktienkurses ein. Zu diesem Zeitpunkt ist die Aktie noch stärker unterbewertet. Im Fall von Novo Nordisk lag das KGV am Tiefpunkt Ende 2016 bei 15.

Der Momentum Investor wird schnell zum King

Das Momentum Investing schert sich wenig um die fundamentale Bewertung von Aktien. Hier nutzt man den Trend des Marktes. Auch Erwartungen an die zukünftige Entwicklung spielen hier eine große Rolle.

Als Beispiel nutze ich die Aktie von SAP. SAP ist ein Softwarehersteller und mittlerweile das wertvollste Unternehmens Deutschlands.

Auf den Charts sehen wir wieder den Aktienkurs, die Gewinne je Aktie und das KGV. Diesmal für den Zeitraum Anfang 2013 bis Ende 2017.

Quelle: www.macrotrends.net

Bis Ende 2016 pendelte das KGV um die 20. Für ein Unternehmen mit dem Wachstum von SAP eine angemessene Bewertung.

Seit Ende 2016 wird es aber abenteuerlich. Die SAP-Aktie profitiert von starkem Vertrauen in das Business-Cloud-Geschäft. Das KGV stieg von 25 auf 35. Somit haben wir (aus fundamentaler Sicht) eine 0,5-fache Überbewertung.

Wer Ende 2016 SAP-Aktien gekauft hat, darf sich aber derzeit als Held feiern und auf dicke Hose machen. Die Aktie kletterte von 85$ auf derzeit 115$ – ein Plus von 35%.

Die Gewinne pro Aktie haben sich allerdings kaum verändert. Dadurch ist das KGV auf 35 angestiegen.

Quelle: www.macrotrends.net

Das Wachstum der Aktie beruht auf zukünftigen Erwartungen an SAP, auf der positiven Marktstimmung, dem Herdentrieb und der Kapitalschwemme.

Bevor der Einwand kommt, dass man SAP nicht anhand des KGV bewerten kann und die Aussichten ja rosig seien, wiederhole ich gern einen Beitrag, den ich in einer Facebook-Gruppe gepostet habe.

“Ein paar Zahlen im Zehn-Jahres-Vergleich der SAP Aktie: Die operative Marge ist so schlecht wie nie, die Netto-Marge ist so schlecht wie nie, die EK-Quote ist so schlecht wie nie, das KGV ist so hoch wie nie, das KUV ist so hoch wie nie, das Interest Coverage ist so schlecht wie nie, das PEG ratio ist so schlecht wie nie, das Price-to-Peter-Lynch Fair Value ist so schlecht wie nie, Umsatz- und Gewinn-Wachstum gehen zurück. Ein Kauf von SAP ist vor allem eine Wette auf den Sieg im Business-Cloud-Geschäft. Ich arbeite in dem Bereich (nicht für SAP). Ich bin skeptisch. SAP gehört für mich zu den Kandidaten ‘zu schnell gewachsen, zu viele Innovationen gewollt, nicht mehr so rentabel wie vorher gearbeitet’.”

Fazit

Als Value Investor kauft man fundamental günstige Aktien. Kurzfristig macht man damit in der Regel Verluste, weil der Markt diese Aktien meidet und der Kurs entsprechend fällt. Erst mittel- und langfristig wird sich dieser Umstand wieder ausgleichen. Dafür braucht es aber viel Geduld und Vertrauen in die Strategie. Genau diese Schwierigkeit beschreibt Dr. Rainer Zitelmann im Interview.

Wer auf steigende Aktien setzt, sieht häufig schnelle Kurserfolge. Aktuelle Beispiele sind Technologiewerte, Lithium- und Cannabis-Aktien, sowie Kryptowährungen. Ob diese Strategie langfristig erfolgreich ist, halte ich für fraglich.

Wenn ich mich derzeit so in einigen Aktien-Foren und Facebook-Gruppen umschaue, sehe ich eine Zunahme von Gier und Übertreibung. Die starke Entwicklung bestimmter Branchen macht es möglich. Und das viele Kapital am Aktienmarkt. Viele schauen nur noch auf die Aktienkurse.

Ein Beispiel ist der chinesische Automobil- und Motorradhersteller Geely. Ordentliches Umsatz- und Gewinnwachstum, sowie gute Margen machen das Unternehmen interessant. Die Aktie ist im letzten Jahr um 230% gestiegen! Gemäß fundamentalen Kennzahlen (für Wachstumsunternehmen), halte ich die Aktie aber für mindestens 100% überbewertet.

Seit November 2017 korrigiert die Aktie etwas nach unten. Und was ich dann lese sind Aussagen wie: “Wow, 10% runter – perfekter Zeitpunkt zum Einsteigen“. Als ob der Abstand zum letzten Hochpunkt eine Aktie günstig oder teuer machen würde. Absolut falsch und ahnungslos aus meiner Sicht.

Wer langfristig etwas für sein Vermögen und die Altersvorsorge tun möchte, sollte lieber einen konservativen Weg gehen.

Die Bewertung von fundamentalen Kennzahlen ist kein Hexenwerk. Zusätzlich sollte man unbedingt vom langfristigen Geschäftsmodell des Unternehmens überzeugt sein. Dazu eine Prise Diversifikation und es kann nicht mehr viel schief gehen.

Der entscheidende Faktor für die langfristige Rendite sind ohnehin die eigenen Handlungen während einer großen Markt-Korrektur.

Unabhängig davon gilt: Abgerechnet wird immer erst am Schluss!

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5 Gedanken zu „Mit Value Investing ist man kurzfristig immer der Depp

  • Januar 11, 2018 um 12:26 pm
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    Schöner Beitrag!
    Schlussendlich geht es immer um das eigene(!) Verständnis von Preis und Wert. Ein KGV von 100 muss nicht teuer sein und ein KGV von 5 nicht günstig. Einer der besten Value Investoren die ich kenne hat die letzten Jahre größtenteils sehr “teure” Unternehmen gekauft, weil er davon ausgeht, dass sie in Anbetracht ihrer Zukunft massiv unterbewertet sind.
    Viele haben eben keine gut begründete Meinung zum Wert eines Unternehmens. “Batterien sind die Zukunft”, “Bitcoin hat noch viel Potenzial” sind oberflächliche Behauptungen, die man nach dem Lesen von Masterarbeiten, Jahresabschlüssen, Wissenschafts-Papers und eigenen Berechnungen verifizieren muss.

    Antwort
  • Januar 11, 2018 um 2:00 pm
    Permalink

    Vielen Dank, für den Beitrag! Mir geht es da ähnlich. Einige der Titel, die ich seit einem Jahr auf der Watchlist habe, waren aus meiner Sicht damals schon brutal überbewertet und das sind oft die, die sich trotzdem noch mit am besten entwickelt haben seit dem. Caterpillar habe ich bei 87EUR auf die Watchlist gepackt, steht heute bei 138EUR, also up 59%, KGV von 115, verrückt. NVDA und AMZN up rund 40% seit ich sie beobachte und kein Ende in Sicht. Da kann man kurzfristig schon in grübeln und zweifeln geraten. Aber nun noch diesen Kursen hinterher zu rennen, wäre meiner Meinung nach absolut der falsche Ansatz. Ich bleibe bei meinen Investment-Prinzipien und versuche auch weiterhin nur fair bzw. unterbewertete Titel zu kaufen. Viele Grüße!
    Michael

    Antwort
    • Januar 11, 2018 um 8:31 pm
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      Solchen Titeln läuft man halt häufig hinterher. Allerdings muss und kann man nicht bei jeder Party dabei sein 🙂

      Ich schaue aber auch ganz gerne auf die Kennzahlen im 10-Jahres-Vergleich.

      VG / Felix

      Antwort
  • Januar 11, 2018 um 4:25 pm
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    Ist die Konsequenz des Artikels nicht, auf Value-Werte zu setzen, die ein positives Momentum haben? Piotroski > 7, niedriges KBV und positives Kursmomentum. Einfach, logisch und bei mir bislang erfreulich profitabel.

    Antwort
    • Januar 11, 2018 um 8:28 pm
      Permalink

      Das wäre der Königsweg! Ich habe bisher zu häufig gekauft, wenn es noch bergab ging. Im besten Fall erwischt man eine Aktie (noch) günstig und auf dem Weg nach oben.

      Derzeit vielleicht noch bei Novo möglich oder Celgene.

      Antwort

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