Normal is beautiful – Warum ich lieber auf der Slowlane fahre

Vergiss Aktien für deinen Vermögensaufbau – so lautet der aktuelle Beitrag auf dem Blog Mission Rendite. In diesem Artikel, schreibt Jan-Christian über den einzig wahren Weg zu großem Reichtum. Diese führe eben nicht über konsequentes Sparen und die langfristige Geldanlage, sondern über den Aufbau eines eigenen Business.

Als Vorlage dient das Buch The Millionaire Fastlane von MJ Demarco und die darin beschriebenen drei Spuren: der Sidewalk, die Slowlane und die Fastlane.

Der Großteil der Menschen befinde sich auf dem Sidewalk – dem Bürgersteig. Dort wo am Ende des Geldes meistens noch ein bisschen Monat übrig ist. Und wehe die Waschmaschine gibt dann den Geist auf.

Auf der Slowlane ist am Ende des Monats immerhin ein bisschen Geld übrig. In diese Kategorie fallen alle fleißigen und sparsamen Arbeitsbienchen, die brav ihre Altersvorsorge-Töpfe füllen. Reich werde man damit aber nicht.

Die coolen Typen finden sich in der Fastlane wieder – der “Schnellspur für Unternehmer”. Innerhalb von fünf bis zehn Jahren, sollte man ein Vermögen aufbauen und sein Lebtag davon zehren.

Meine Meinung

Ich stimme Jan in einem Punkt uneingeschränkt zu: wer wirklich, wirklich reich werden will, der muss sich selbstständig machen und richtig durchpowern. Ohne Risiko und auf halber Backe geht da nix.

In einigen Punkten, stimme ich seinem Beitrag aber nicht zu.

1. Auf der Fastlane kommt es häufiger zu Unfällen

Überhöhte Geschwindigkeit und Missachtung der Vorfahrtsregeln, sind zwei Hauptursachen von Straßenverkehrs-Unfällen.

Und wie wir auch wissen, ist eine hohe Rendite nicht ohne höheres Risiko möglich. In Büchern und auf YouTube tummeln sich einige Unternehmer, die es geschafft haben. Sie haben ein eigenes Business aufgebaut und für hohe Summen verkauft. Es finden sich dort aber auch viele Pseudo-Unternehmer. Sie verdienen nur damit Geld, indem sie anderen erklären, wie sie es möglicherweise schaffen könnten. Weiß glänzende Lamborghinis und – mal mehr, mal weniger – hübsche Mädels inklusive.

Wir sehen aber nirgends Unternehmer, die es nicht geschafft haben. Die zwar auch clever sind, eine gute Idee hatten und hart dafür gearbeitet haben. Die aber – aus welchen Gründen auch immer – gescheitert sind. Vielleicht sogar mehrfach. Weil große Kunden nicht gezahlt haben. Weil die Konkurrenz das Produkt kurzerhand kopiert hat. Weil gesundheitliche Probleme das Projekt gestoppt haben. …

Und selbst wenn die ersten paar Jahre gut laufen, muss parallel immer noch Geld zur Seite gelegt werden. Ein Punkt, den viele Selbstständige heutzutage vergessen.

Fazit: Nur weil man sich für Fastlane entscheidet und selbst alles richtig macht, ist der Erfolg nicht garantiert. Auch nicht mit garantierten Finanztipps 

P.S. Kennst du schon den Finanzblogroll Podcast

2. Reich werden kann man auch als Angestellter

Aus globaler Sicht, ist praktisch jeder Deutsche reich. Da aber Reichtum und Vermögen relative Größen sind, zu denen wir uns auf nationaler Ebene vergleichen, muss eine genauere Betrachtung her.

Laut Bundesbank gehörte man im Jahr 2014  in Deutschland mit einem Vermögen von 468.000 € zu den reichsten zehn Prozent. [Quelle] Ich denke, dass oberste Dezil ist ein angemessener Gradmesser für den Begriff “Reichtum”.

Eine Summe von knapp 500.000 € kann man erreichen, wenn man über 35 Jahre monatlich 500 € zu einer Nettorendite von 5% anlegt [Berechnung]. Zugegeben eine lange Zeit und kein Sparbetrag für Jedermann/Jederfrau. Allerdings auch alles andere als unmöglich. Es braucht nur Geduld.

Aber auch hier kommt man nicht ohne Fleiß zum Wohlstand. Eine gute (Aus-)Bildung, stetiges Engagement im Job und kontinuierliche Weiterbildung sind auch hier absolut notwendig.

Dafür ist das Risiko des “abhängig Beschäftigten” aber auch deutlich niedriger als beim Selbstständigen.

3. Normal is beautiful

Mein Hauptkritikpunkt aber bezieht sich auf die Frage: Wofür das Ganze?

Die Zahl der Selbstständigen, die innerhalb von fünf Jahren ein eigenes Unternehmen aufbauen und gewinnbringend verkaufen, kann man vermutlich an der Hand abzählen. Viele investieren über Jahrzehnte hinweg sechzig Wochenstunden und mehr ihr Projekt, ohne dass sie am Ende damit wirklich reich werden.

Wer damit seiner Leidenschaft folgt, soll das gerne tun.

Wer aber nur auf den schnellen Reichtum aus ist, könnte herbe enttäuscht werden. Meist sind Projekte aus Profitgründen ja ohnehin weniger erfolgreich.

Und schlussendlich gibt es durchaus wichtigere Dinge als Geld.

Glück ist für umme
(Nico von Finanzglück)

Wer Anfang 40 mit der Familienplanung beginnen möchte – bitteschön. Ich bin froh, früh Kinder bekommen zu haben. Beim Spiel auf dem Fußboden klage ich noch nicht über Rückenschmerzen. Und auch auf dem Spielplatz bekomme ich selten Schnappatmung.

Appell an alle Normalos da Draußen

Ich möchte niemanden davon abhalten, sich in der Selbstständigkeit auszuprobieren oder seine Erfüllung zu suchen. Das ständige Gerede von der lebens-erfüllenden Selbstständigkeit und dem schnellen Weg zum Reichtum á la Bill Gates oder Marc Zuckerberg, geht mir allerdings auf den Keks.

Auch der Mythos vom “unzufriedenen Arbeitnehmer im Hamsterrad” ist übertrieben. Jeder kann grundsätzlich seine Berufung zum Beruf machen und ist für sein Glück verantwortlich. Auch Arbeiter und Arbeitnehmer, können mit Leidenschaft und Engagement ihrem Job nachgehen. Und vor allem sind sie oft das Rückgrat der Gesellschaft – ob bei der Feuerwehr oder im Pflegeheim.

Wir brauchen keine 40 Millionen Multi-Level-Marketing Business Development Manager.

Also: Seid auch mal zufrieden mit dem was ihr habt! Genießt das Leben auf der Slowlane – der mittleren Autobahnspur des Lebens und lasst euch nicht beirren von den Typen, die mit Lichthupe links an euch vorbeirauschen. Vor allem, wenn ihr bereits Kinder auf eurer Rückbank sitzen und einen Partner auf dem Beifahrersitz habt, tragt ihr Verantwortung für eure Familie. Geht runter vom Gas und macht auch mal Pause, um euch die Beine zu vertreten.

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9 Gedanken zu „Normal is beautiful – Warum ich lieber auf der Slowlane fahre

  • März 1, 2018 um 8:29 am
    Permalink

    Etwas ähnliches ist mir auch durch den Kopf gegangen, als ich den Artikel gelesen habe. Ich kenne beide Seite und kann nur auf den Artikel bezogen sagen, dass das Angestelltendasein vollkommen unterschätzt wird.

    Die Wahrscheinlichkeit als Selbständiger die viel zitierte finanzielle Freiheit zu erreichen, ist um ein vielfaches anspruchsvoller, als das als Angestellter zu erreichen. Während ich in meiner Karriere als Angestellter laufend Menschen kennengelernt habe, denen es sehr ging, muss ich im Bereich der Selbständigen schon genauer hinschauen, um die entsprechenden Menschen zu finden.

    Aus heutiger Sicht mache ich zehn Kreuzzeichen, dass ich eine gute Ausbildung hatte, mit der eine mittelprächtige Angestelltenkarriere möglich war. Mir graut es vor dem Gedanken, dass ich mein Unternehmen betreiben müsste, wenn ich die finanziellen Rücklagen aus meinem Angestelltendasein nicht hätte.

    Antwort
  • März 1, 2018 um 6:16 pm
    Permalink

    Hallo Felix,

    danke für diese schön geschriebene Gegenrede. Dem habe ich gar nichts hinzuzufügen, außer: gefällt mir!

    Gruß
    Swantje

    Antwort
  • März 1, 2018 um 8:07 pm
    Permalink

    Hallo Felix,

    deinem Artikel kann ich mich nur anschließen.

    Jedem das seine, auf der Slowlane ist es auch nicht schlecht. Jedenfalls ist es deutlich entspannter und man muss keine 60-Stunden-Wochen schieben, um sein Business zu pushen.

    Schön fand ich deinen Hinweis darauf, dass wir in Deutschland ja eigentlich alle reich sind (weil Reichtum relativ ist).
    Gleiches trifft wohl auf die “Slowlane” zu. Wenn ich Monat für Monat mit 50 % oder mehr meines Einkommens einen ETFs bespare und dann “erst” mit 40 oder 50 in Rente gehe (statt mit 30), dann bin ich auf der “Slowlane”. Das ist laut deiner Definition zwar der Mittelweg, aber man darf nicht vergessen, dass man damit auch schon nicht mehr der Durchschnittsbevölkerung entspricht. 😉

    Antwort
    • März 1, 2018 um 8:55 pm
      Permalink

      Hi Oliver,
      absolut – auf der Slowlane ist man definitv schneller und besser unterwegs als 60-80% der restlichen Bevölkerung. Also deutlich besser als “Mittelmaß”.

      VG / Felix

      Antwort
  • März 2, 2018 um 6:39 am
    Permalink

    Hi Felix,
    finde es interessant, wie man in der Finanzcommunity oft einen gewissen Konsens findet. Sparen und Einkommen erhöhen, aber nicht um jeden Preis. Leute auf der FastLane wird es immer geben, was ich sehr inspirierend finde. Aber letztlich haben wir alle schon viel gewonnen, weil wir uns überhaupt mit Finanzen beschäftigen. Wird am Ende schon was Gutes bei rumkommen, Autopilot ist eingestellt.

    Antwort
  • März 2, 2018 um 12:00 pm
    Permalink

    Hallo Felix,
    ich bin auch deiner Meinung:

    1. Nicht jeder ist zum Unternehmer geboren.

    2. Nicht jeder, der ein Unternehmen aufbaut, ist auch reich. Man hört normalerweise nur von den erfolgreichen Unternehmern. Da spielt der Survivorship Bias vielen Menschen einen bösen Streich.

    3. Es ist ein großer Sprung von der Slowlane auf die Fastlane. Es ist aber auch ein großer Sprung vom Sidewalk auf die Slowlane. Jedoch kann den Sprung auf die Slowlane jeder schaffen und wird damit wahrscheinlicher erfolgreich sein als auf der Fastlane.

    4. Jeder muss gemäß seiner Risikotoleranz investieren. Manche Menschen kriegen Panik, wenn ihr Depot ein Knick von 10% nach unten macht. Mit ihrem eigenen Unternehmen würden sie wahrscheinlich nicht schlafen können. Wenn dann noch Kinder und Partner im Spiel sind, dann sinkt die Risikoneigung noch zusätzlich.

    Beste Grüße
    Nico

    Antwort
  • März 3, 2018 um 2:46 pm
    Permalink

    Volle Zustimmung und wer mit 25 Jahren zu sparen beginnt, der hat bereits mit 45 ein signifikantes Polster, dass ihm ermöglicht, verschiedene Wege auszuloten.

    Antwort
  • März 5, 2018 um 11:02 am
    Permalink

    Hallo Felix,

    besten Dank für deine ausführliche Gegenposition. Ich weiß, der Beitrag polarisiert. Ich wollte damit ein bisschen Wachrütteln und darstellen, dass eben der “10%-Sparen” Weg nicht der einzige ist. Genauso kann man natürlich auch auf zwei Spuren fahren, also selbständig sein und gleichzeitig Geld in ETFs und Aktien sparen. Wie gesagt, nicht nur in eine Richtung denken.

    Und am Ende müssen natürlich Aktien auch erst einma weiterhin die 7% langfristig erreichen.
    Nur weil es die letzten Jahre so war, kann sich das eben auch mal ändern. Aktien werden immer als “langfristig sicher” angepriesen. Ich gehe zwar auch davon aus, dass sich Aktienmärkte langfristig positiv entwickeln. Aber eben auch nicht linear. Fragt mal die Japaner nach ihren 7% p.a.

    Der Nikkei liegt bei -50% absolut seit 1989:
    https://www.onvista.de/index/Nikkei-Index-60972397

    Antwort

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