Postfaktisch – Warum das Wort des Jahres 2016 auch das Anlegerverhältnis zur Börse widerspiegelt

Achtung: Im heutigen Beitrag geht es nicht ausschließlich um Finanzen. Der Text enthält zudem politische und gewalt-denunzierende Aussagen. Zudem ist es wohl der einzige deutschsprachige Artikel, der Donald Trump und Gabriela Schimmer-Göresz in einem Artikel erwähnt. Alle Leser mit schwachen Nerven und einer bestehenden privaten Rentenversicherung, sollten zudem auf das Betrachten der Grafik verzichten.

Letzte Woche kürte die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) das Wort postfaktisch zum Wort des Jahres 2016. Es bedeutet, dass politische und gesellschaftliche Diskussionen zunehmend emotional geführt würden, anstatt auf der Grundlage von Fakten. Das Wort postfaktisch stehe somit auch für den zunehmenden Unmut gegen “die da oben. Immer breitere Bevölkerungsschichten seien dazu bereit, Fakten oder gar Lügen zu ignorieren.

Die Philologen der GfdS haben aber nicht allzu sehr in die Überraschungskiste gegriffen. Bereits im November, wurde das englisch Wort post-truth zum Word of the Year 2016 gekürt.

Als Beispiel für die Erklärung des Wortes postfaktisch, diente in den letzten Tagen vor allem der US-Wahlkampf. Dort hatte “The Donald” Trump häufig gelogen oder die “Wahrheit ein wenig anpasst”. Obwohl das vielen Wählern klar war, hat er sehr viele Stimmen bekommen. Zwar deutlich weniger als Clinton, aber dank des US-Wahlsystems hat es ja gereicht.

Terrorangst und individuelle Militarisierung

Ich persönlich verbinde das Wort postfaktisch mit den gesellschaftlichen Entwicklungen in unserem Land. Bereits Ende 2015 verstärkte sich die Angst vor Terroranschlägen und potentiell gefährlichen Ausländern. Nach den Anschlägen von Paris, mieden viele Menschen die Weihnachtsmärkte und andere Menschenansammlungen.

Die Stimmung war im Eimer. Und viel hat sich seitdem auch nicht gebessert.

Zusätzlich zu den Terroranschlägen kamen viele Flüchtlinge nach Europa und – damit verbunden – auch einige in den Medien ausgeschlachtete Straftaten von Migranten.

Die Verunsicherung der Menschen führte seitdem zu einer regelrechten individuellen Militarisierung. Rund 450.000 kleine Waffenscheine sind derzeit in Deutschland registriert. Das ist ein Anstieg um 63%!! im Vergleich zum Vorjahr [Quelle: welt.de]. Die Sicherehitsbehörden sind davon gar nicht begeistert. Pfefferspray oder Schreckschusswaffen würden den Besitzern die Sicherheit nur vortäuschen. In der Praxis wäre es jedoch kaum möglich, rechtzeitig zu den kleinen Waffen zu greifen. Häufig würden diese sogar gegen deren Besitzer eingesetzt.

Deutschland rüstet auf- warum eigentlich?

Schauen wir in die Kriminalstatistik für das Jahr 2015. Zusammengefasst sind folgende Punkte wichtig:

– Die Zahl der Straftaten in Deutschland ist 2015 auf 6,33 Millionen Fälle gestiegen (+ 4,1 % im Vergleich zum Vorjahr). Der Anstieg wird praktisch komplett durch die “gewachsene Zahl ausländerrechtlicher Straftaten” begründet. Hinter dieser etwas irreführenden Formulierung, stehen aber lediglich Asyl- und Aufenthaltsdelikte durch die vielen Flüchtlinge. Also keine Personenschäden.
– Insgesamt ist in Deutschland die Zahl der Straftaten seit 15 Jahren konstant.
– Gewaltkriminalität (Mord, Totschlag, Raubdelikte etc.) nahm 2015 nur unwesentlich auf 181.000 Fälle zu (+ 0,2 %).
– Die Zahl der Vergewaltigungen oder sexuellen Nötigungen ging auf rund 7.000 zurück (- 4,4 %).
– Die Zahl der Einbruchsdelikte nahm auf 167.000 Fälle zu (+ 10 %).

Jede Gewalttat ist zu viel. Jede Vergewaltigung oder sonstige Körperverletzung von Frauen oder Kindern ist abscheulich und für normal denkende Menschen nicht begreifbar.

Trotzdem sollten wir bei den Fakten bleiben.
Die Zahlen für 2015 zeigen keinen Anstieg von Straf- und Gewalttaten. Trotzdem rüsten die Deutschen extrem auf. Es hat sich eine Stimmung von Unsicherheit und Angst aufgebaut. Fakten zählen nicht mehr. In der subjektiven Wahrnehmung, ist man jederzeit potentielles Opfer von Straf- oder Gewalttaten.

Ich bin ein Kopfmensch, ein Realist. Daher habe ich diese Panikmache lange nicht verstanden. Warum erklärt man den Menschen nicht einfach die Fakten? Dann brauchen sie doch keine Panik schieben…

Was ich dieses Jahr dazu gelernt habe

Durch die Flüchtlingsströme und der damit einhergehenden Unsicherheit vieler Menschen, habe ich etwas kapiert. Man kann Emotionen kurzfristig nicht mit Fakten ausschalten. Sind Menschen verunsichert, so sind sie einfach nicht aufnahmebereit für Fakten. Vor allem nicht, wenn die Macht der Bilder von Anschlägen und vergewaltigten Opfern in den Nachrichten und sozialen Netzwerken zuschlägt. Dann prallen statistische Wahrscheinlichkeiten an den Menschen ab.

Es bringt ja auch nichts, wenn man einem Menschen mit starker Flugangst erstmal den Strömungseffekt nach Bernoulli erklärt. Angst ist irrational.

Also doch aufrüsten?

Politik und die Medien müssten zuerst wieder Vertrauen aufbauen. Den Medien traue ich dieses Kunststück schon lange nicht mehr zu. Lediglich unabhängige Medien wie NEOPresse oder Correctiv wären dazu in der Lage. Leider werden diese Beiträge meist nur von denen verfolgt, die ohnehin schon kapiert haben was in dieser Welt schief läuft. Unabhängige Beiträge im Fernsehen gibt es höchstens auf Phönix oder Arte – allerdings meist erst ab 23 Uhr. Vorher gibt es Gewalt in Form von Frauentausch, Tatort oder Schlagerparade.

Und die Politik? Hier ist im nächsten Wahljahr nicht viel Gutes zu erwarten. Im Gegenteil. Die Parteien am rechten Rand werden die aktuelle Unsicherheit ausnutzen. Die Parteien von Mitte bis Rechts werden einige Punkte aufgreifen, um nicht noch mehr Wähler zu verlieren. Welche Parteien bleiben für eine funktionierende und soziale Gesellschaft? Die immer dunkleren Grünen? Die Linke? Die bringt zwar einige gute Ansätze mit, ist vielen aber zu radikal. Ein echter Sozialstaat ist eben nicht gewünscht.

An der Stelle, möchte ich gerne auf die Ökologisch-Demokratische-Partei (ÖPD) verweisen. Wer sie noch nicht kennt, kann sich hier über die Partei und die Bundesvorsitzende Gabriela Schimmer-Göresz informieren. Für mich eine gute Alternative im kommenden Jahr.

Halten wir aber fest: In erster Linie müsste die Veränderung aber aus der Gesellschaft heraus kommen. Der Umgang miteinander muss verbessert werden. Und auch die Unterstützung von stark gebeutelten Regionen kann durch Spenden oder durch soziales Engagement gestärkt werden.

In jedem Fall wird es eine spannende Zeit. Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf.

Junge, Junge – ist das nicht ein Finanzblog hier?

Am letzten Wochenende sinnierte ich nach der dritten Tasse Glühwein über die Verbindung zwischen dem Begriff “postfaktisch” und dem Anlegerverhalten an der Börse.

Was haben wir bisher in diesem Artikel gelernt?
1. Die Menschen lassen sich vermehrt von Emotionen leiten. Fakten stehen eher im Hintergrund.
2. Die Menschen sind verunsichert und ergreifen Maßnahmen zur potentiellen Erhöhung ihrer Sicherheit.
3. Die ÖDP ist eine tolle Partei 

Welche Fakten gibt es beim Thema Geldanlage?

Nur etwa 9 Millionen Deutsche (14%)  besitzen Aktien oder Aktienfonds [Quelle: Aktionärszahlen des Deutschen Aktieninstituts]. Die Börse und der Besitz von Aktien gelten immer noch als verrufen. Besonders bei Gering- oder Normalverdienern, spielen Wertpapiere bei der Altersvorsorge kaum eine Rolle. Die langfristige Rendite des MSCI World beträgt etwa 7% pro Jahr. Indizes auf den Dax (8%) oder den S&P (9,4%), liegen sogar noch darüber [Quelle: Homemade Finance].

Die Zahl der privaten Rentenversicherungen liegt bei knapp 11 Millionen [Quelle: Bundesministerium für Arbeit und Soziales]. Der Wertzuwachs von klassischen Lebens- und Rentenversicherungen beträgt im Durchschnitt 0,42% [Quelle: Finanztip].

Aus einer Einmalanlage (wir sch* auf den Cost-Average-Effekt) von 1.000 €, wurden somit in den letzten 25 Jahren…

  • 1.105 € bei einer Investition in eine Klassische Rentenversicherung
  • 5.427 € bei einer Investition in den MSCI World
  • 6.849 € bei einer Investition in den Dax
  • 9.450 € bei einer Investition in den S&P 500

Hier das ganze Elend nochmal grafisch

Anlageformen_Rendite

Rational ist es also überhaupt nicht nachvollziehbar, warum so viele Menschen ihr Geld in Rentenversicherungen statt in Wertpapiere zu stecken. Auch was die Verfügbarkeit dieser Anlageklassen betrifft, sind Aktien oder Aktienfonds klar im Vorteil. Der Wert ist natürlich von der aktuellen Börsenstimmung abhängig, liegt aber mittel- bis langfristig meistens über dem Wert der getätigten Investitionen. Kündigt man eine Lebensversicherung, erhält man den vereinbarten Rückkaufwert, der in aller Regel unter den getätigten Investitionen liegt.

Die Meldungen über Börsencrashs verunsichern ständig die Menschen. Eurokrise, Bankenkrise, Brexit. Und trotzdem stehen der Dax auf Jahres- und die US-Indizes auf Allzeithochs. Kleine, stetige Anstiege sind eben keine Sensationsmeldung wert.

Wie kann ein stabiles Vertrauen für Wertpapiere aufgebaut werden?

Wertpapiere müssen für alle Bevölkerungsschichten transparenter und attraktiver gemacht werden. Aber auch hier werden die Medien und Politik nur bedingt helfen. Die Politik hätte es in der Hand, indem langfristige Sparanlagen durch Steuerentlastungen gefördert werden.

Trotzdem verbleibt es wohl als eine Aufgabe der Gesellschaft, Aktien als langfristige Geldanlage in das richtige Licht zu rücken. Emotionen sind kein guter Berater, wenn es um das liebe Geld geht. Vielmehr ist Geduld gefragt – gepaart mit einem gemäßigten Konsumverhalten, wie es Tim Schäfer seit Jahren gebetsmühlenartig predigt.

Die Finanzblogs bieten eine gute Grundlage. Wissen über Anlageformen wird verständlich und unabhängig erklärt. Es wird fleißig und auf hohem Niveau diskutiert. Und nicht zuletzt wird der Mindset durch gute Vorbilder gestärkt.

Mein Motto für 2017 heißt: Zurück in die Zukunft. Vertrauen wir wieder mehr auf Fakten, ohne dabei jegliche Emotionen zu verlieren. Emotionen sind ein Teil von uns und können nicht einfach weggewischt werden. Sie können aber mittel- bis langfristig vom negativen ins positive verändert werden. Auf geht’s!

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2 Gedanken zu „Postfaktisch – Warum das Wort des Jahres 2016 auch das Anlegerverhältnis zur Börse widerspiegelt

  • Dezember 15, 2016 um 6:45 am
    Permalink

    Ein schöner Beitrag zum Jahresausklang mit einer klaren Botschaft! Du wirfst einen interessanten Punkt auf: Wie schafft man es, das Thema Wertpapiere gesellschaftsfähig zu machen? Dass das Thema essentiell für die Altersvorsorge ist, ist alle Beteiligten klar. Aber wie transportiert man das Thema bis an die letzte Ecke der Gesellschaft? Ich beschäftige mich selbst viel mit der Frage: Wie kann ich mit meinem Blog genau die Leute erreichen, die eigentlich nicht viel mit Finanzen zu tun haben wollen? Ich hoffe, ich finde die Antwort im neuen Jahr! 🙂 Eine frohe Weihnacht!

    Antwort
    • Dezember 15, 2016 um 6:49 am
      Permalink

      Danke! Viel Erfolg bei der Suche nach der Antwort – ich unterstütze dich gern 🙂

      Viele Grüße & schöne Feiertage!
      Felix

      Antwort

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