Enzyklopädie der Spezies im Fussballstadion und an der Börse

Neulich war ich mal wieder im Stadion. Schalke gegen Galatasaray Istanbul.
Oder wie man in Gelsenkirchen sagt: Auswärtsspiel zuhause.

Da die Sportveranstaltung als “Hochrisikospiel” eingestuft war, planten wir entsprechenden Puffer für die Stadionkontrolle ein. Allerdings dauerte es dann doch nicht so lange wie befürchtet. Dadurch waren wir etwa anderthalb Stunden vor Anpfiff im Stadion und ich konnte mich in Ruhe umschauen.

Hätte ich mal lieber nicht getan…

Allerdings sind mir dadurch bereits vor dem Anpfiff verschiedene Stadion-Besucher-Typen aufgefallen. Weitere Spezies haben sich allerdings erst nach dem Anpfiff und den folgenden 90 Minuten herauskristallisiert.

Für alle aber gilt, dass wir sie auch an der Börse in erstaunlich ähnlicher Form wiederfinden.

Die Enzyklopädie der Station-Besucher-Spezies
1. Der Analytiker

Der Analytiker ist unauffällig und beobachtet größtenteils ruhig das Spielgeschehen. Er analysiert gern und zeichnet sich durch einen großen und ständig abrufbaren Datenschatz aus.

“Hey Ulli, wer schoss nochmal das 3:1 gegen Rot-Weiß Essen am 17. November 1990?”
“Ist doch klar, Günter Schlipper. 81. Minute. War erst 22 Minuten zuvor für den Kroninger eingewechselt worden.”

Der Analytiker tritt häufig in kleinen Gruppen auf. Dies sichert ihm ausreichend Ruhe für seine Spielanalyse und gleichzeitig potentielle Empfänger seiner Analyseergebnisse.

Obwohl er über einen vergleichsweise hohen Sachverstand verfügt, liegt der Analytiker mit seinen Spielprognosen häufig falsch. Selbst die besten statistischen Auswertungen und taktischen Überlegungen werden hinfällig, wenn der Torwart am Ball vorbei greift oder Stürmer nicht das leere Tor trifft.

Wie sagte schon Großmeister André Kostolany: “Beim Fussball ist alles möglich. Auch das Gegenteil.”
Oder so ähnlich…

Auch an der Börse kann man sich tot analysieren. Wenn der Markt gegen dich spielt, spielt der Markt gegen dich. Egal, ob man das KGV von McDonalds oder den Free-Cash-Flow von Facebook der letzten fünf Jahre auswendig kennt.

2. Der Erfolgsfan

Der Erfolgsfan ist eine Gattung, die beim FC Schalke selten vorkommt. Liegt wohl am fehlenden Erfolg. Aber wie hört man es beim Altherrenspiel in Wanne-Eickel: “Es gibt Jahrzehnte, da läuft einfach nix.”

Erfolgsfans siedeln vor allem im Südosten Deutschlands. Dort wo das Grundgesetz groß geschrieben, Bierduschen allerdings nicht erwünscht sind.

An der Börse tritt das Phänomen der “Erfolgsfans” sehr häufig auf. Um den Anschein der professionellen Wissenschaft zu wahren, spricht man dort allerdings von Trend-” oder “Momentum-Strategie. Das bedeutet, dass man dabei ist solange es nach oben geht.

Das Problem ist nur, dass “oben” und “unten” an der Börse nicht so eindeutig definierbar sind wie im Fussball. Als Tabellenerster der Bundesliga ist das Potential nach oben ausgeschöpft. Als Tabellenletzter kann man – zumindest in der laufenden Saison – nicht tiefer fallen.

Purzeln die Kurse an der Börse, so glauben viele Privatinvestoren an den schnellen “Turnaround. Zumindest hier sehen wir bei einer beginnenden Niederlagenserie Parallelen zum Fussball.

3. Der Lautsprecher

Jeder Stadionbesucher kennt diesen Typen. Lautsprecher zeichnen sich durch außerordentliche Extrovertiertheit, ein lautes Sprachorgan und wenig Fussballsachverstand aus. Ihre eigene aktive Fussball-Karriere begann und endete in der Kreisklasse. Bei SG Preußen Gladbeck III, der SV Planegg-Krailling II oder dem SV 1922/45 Rammelsbach. Heute tingeln sie am Wochenende mit ihrer Hobbymannschaft Dynamo Tresen oder FC Køpinnacken über die Bolzplätze.

Lautsprecher kommentieren jede Aktion auf dem Rasen lautstark und stets mit nicht-jugendfreiem Vokabular. Die “inhaltlichen” Äußerungen diffundieren häufig mit dem jeweils regionalen Dialekt. Dadurch entstehen nicht selten neuartige Wortkreationen, die in keinem Lexikon der Welt zu finden sind.

Da Lautsprecher Alphatiere sind, gibt es in jedem Stadion-Block maximal einen davon.

An der Börse sind Lautsprecher ebenfalls sehr aktiv. Auch sie fallen nicht selten durch ihre grenzenlose Ahnungslosigkeit auf. Dennoch kommentieren sie stets die wirtschaftliche und politische Entwicklungen lautstark und penetrant. Einige dieser Lautsprecher verwalten ebenfalls eigene Finanzprodukte. Aber auch diese Produkte zählen eher zur Kreisklasse.

4. Der Stoiker

Den Gegenpol zu den Lautsprechern bildet die Spezies der Stoiker. Stadionbesucher dieser Gattung sind häufig Dauerkartenbesitzer und können daher der Kategorie Buy-and-Hold zugeordnet werden.

Anders als im Fussball, zeichnen sich erfolgreiche Stoiker am Finanzmarkt durch pure Ignoranz gegenüber des täglichen und unbeeinflussbaren Marktgeschehens aus. Durch ihren prokrastinatorischen Ansatz, sind sie daher häufig erfolgreiche Investoren.

Artgenossen wie der Finanzwesir oder Tim Schäfer haben die stoische Anlageform nahezu optimiert.

5. Der Skeptiker

Der Skeptiker zeigt ähnliche Züge wie der Lautsprecher, tritt aber nicht so lautstark und inkompetent in Erscheinung. Häufig ist auch er in Besitz einer Dauerkarte, was bei dauerhaftem Misserfolg der eigenen Mannschaft zu entsprechendem Frust führt.

Der Skeptiker sieht die Vergangenheit goldig, die Gegenwart grau und die Zukunft schwarz. Er schwelgt gerne in Erinnerungen erfolgreicherer Zeiten.

An der Börse tritt der Skeptiker nicht in Erscheinung. Griechenland, Italien, Trump, China – ständig gibt es Unruheherde, die aus seiner Sicht eine Investition in den Aktienmarkt unmöglich machen. Daher bleibt er diesem aus Lebenszeit fern.

Skeptiker sind in Deutschland weit verbreitet.

6. Der Gast oder Der Social-Media-Fan

Der Gast betritt maximal alle fünf Jahre ein Stadion. Er zeichnet sich durch mangelhafte Orientierung aus und benötigt mehrere Anläufe um seinen Sitzplatz im richtigen Block zu finden. Gäste (gemeint sich hier nicht die Gäste-Fans) treten häufig auch als Pärchen auf. Sie sind auch die einzigen Besucher, welche sich als Andenken an ihren “Ausflug” einen Spieltags-Schal kaufen. Dieser setzt sich jeweils hälftig aus den Schals beider Mannschaften zusammen. Ein echter Fan versteht nicht, wofür man so etwas benötigt.

Während des Spiels verhalten sich Gäste in der Regel ruhig. Verhaltensauffällig werden sie allerdings schon vor dem Spiel. Bereits hier werden hunderte Fotos gemacht und auf mannigfaltigen Social-Media-Plattformen geteilt. Das Selfie in Richtung Spielfeld stellt hier offensichtlich die wichtigste Pose dar. Daher können Gäste auch als “Social-Media-Fans” bezeichnet werden.

Zusammenfassung

Im Fussballstadion lassen sich verschiedene Spezies definieren. Oftmals treten auch Mischformen der oben genannten “reinrassigen” Gattungen auf. Häufig sind Kreuzungen aus Analytiker und Stoiker, sowie aus Erfolgsfan und Skeptiker beobachten.

Ähnliche Mischformen finden sich auch an der Börse wieder. Vor allem in themenbezogenen Facebook-Gruppen, Blogs und YouTube-Kanälen lassen sich entsprechende Spezies beobachten.

Und wie war das Spiel?

Der Analytiker: “2:0 für Schalke. Tore durch Burgstaller (4. Min.) und Uth (57. Min.)”

Der Erfolgsfan: “War ja klar nach den zwei Siegen zuvor. Serie ist Serie.”

Der Lautsprecher: “Hömma Schiri, jeder Zweikampf von mir im Schlafzimmer is’ härter als dat Foul!”

Der Stoiker: “War nett.”

Der Skeptiker: “Schwacher Gegner. Am Wochenende kriegen wir wieder die Hütte voll.”

Der Gast: “Cool, schon zwanzig Likes.”

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