Wann sind Entscheidungen gut oder schlecht?

Joachim Löw hat im letzten Spiel bei der Europameisterschaft gegen Italien auf eine Dreier-Abwehrkette umgestellt. Er mag seine Gründe gehabt haben. In der Sprache des Fußballs sagte der Bundestrainer, dass er damit die “defensive Mitte” stärken wollte. Dadurch kam es taktisch zu einem 5-2-2-1 System und Julian Draxler musste draußen bleiben. Das Ziel war es, stets Überzahl gegen die italienischen Stürmer Éder und Pellè zu schaffen.

Der Plan ging am Ende auf, Deutschland gewann bekanntermaßen im Elfmeterschießen.

Der Bundes-Jogi hatte alles richtig gemacht.

Wirklich?

Für Unruhe sorgte in den letzten Tagen die Kritik von Mehmet Scholl, der als EM-Experte in der ARD das Turnier begleitet. Aus seiner Sicht hätte Deutschland viel zu passiv gespielt und sich zu sehr an den Gegner angepasst. Zudem gab es einen flapsigen Spruch in Richtung des DFB Chefscouts Urs Siegenthaler, der für solche taktische Maßnahmen mit verantwortlich ist. Den Spruch hat Scholl mittlerweile als “Gehirn-Schluckauf” bezeichnet und sich bei Hr. Siegenthaler dafür entschuldigt.

Also, alles Friede, Freude, Eierkuchen?

Was mich an der ganzen Situation stört ist die Tatsache, dass die Entscheidungen von Jogi Löw post-ludus (nach dem Spiel) bewertet werden. Warum sind Entscheidungen erst nachher richtig oder falsch? Bei einer Entscheidung zum Zeitpunkt x, sind alle Fakten, die zu diesem Zeitpunkt x vorliegen, in die Entscheidung einzubeziehen. Für Löw waren das in diesem Fall die gesammelten Erkenntnisse über die Spieler, sowie die Spielweise des Gegners. Andere Variablen sind unbekannt und werden erst im Laufe der Zeit erkennbar und messbar. Beim Fußball zum Beispiel die Tagesform der Spieler, das Wetter, oder der Schiedsrichter. Vor dem Anpfiff sind diese Variablen aber nicht bekannt.

Außer vielleicht das Wetter.

Aber das kann sich ja ändern…

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Man sollte überlegen, ob wirklich das endgültige Ergebnis entscheidend dafür ist, ob bestimmte Entscheidungen zum Zeitpunkt x richtig oder falsch waren. Vielmehr ist zu bewerten, ob alle möglichen Fakten zum Zeitpunkt der Entscheidung vorlagen, ob diese (bekannten) Fakten richtig bewertet wurden und zu einer guten oder schlechten Entscheidung führten.

Ob am Ende das Ergebnis gut oder schlecht ist, steht doch auf einem anderen Blatt oder?

Auf den privaten Bereich angewendet hier ein kurzes Beispiel.

Du bist mit dem Auto auf der Landstraße unterwegs. Das Wetter ist schön, im Radio läuft dein aktuelles Lieblingslied. Du trällerst fröhlich mit und genießt die Ruhe, denn die Kinder sind gerade bei der Schwiegermama. Es ist später Nachmittag. Als du um eine Rechtskurve fährst, wirst du plötzlich direkt von der tief stehenden Sonne geblendet. In diesem Moment siehst du schemenhaft einen Traktor. Er fährt von einem Feldweg auf die Landstraße auf. Er hat dich übersehen. Dir bleiben 50 Meter. Bei 70 km/h sind das 2,5 Sekunden bis zum Aufprall.

Haste Scheiße am Fuß, Haste Scheiße am Fuß.

Jetzt gilt es, blitzschnell eine Entscheidung zu treffen. Reflexartig ziehst du das Lenkrad nach links. Du fährst auf die andere Fahrbahn. Nur mit Mühe kannst du dein Auto in der Spur halten. Du fährst haarscharf an dem Traktor vorbei.

Nachdem du dich von dem Schrecken erholt hast, beglückwünscht du dich für deine starke Reaktion und dein Ausweichmanöver.

Jetzt zur entscheidenden Frage: War die Entscheidung gut oder schlecht? 

Was das Ergebnis betrifft, hast du doch alles richtig gemacht oder? Kein Unfall, kein Schaden, keine Verletzte. Aber was wäre gewesen, wenn ein anderes Auto im Gegenverkehr gefahren wäre? Das konntest du nicht sehen, denn du warst geblendet und der Traktor hatte dir die Sicht versperrt. Zudem herrscht viel Feierabendverkehr. Die Wahrscheinlichkeit war recht hoch, dass dir ein Auto hätte entgegenkommen können. Bei einem Zusammenprall wärst nicht nur du, sondern auch andere Menschen zu Schaden gekommen.

Außerdem hättest du beim blitzartigen Ausscheren die Kontrolle über dein Auto verlieren können. Das Auto hätte in Schleudern geraten und gegen einen Baum prallen können (P.S. warum gibt es eigentlich so viele todbringende Bäume an Landstraßen?). Diese Kriterien hast du beim Ausweichmanöver nicht oder nicht richtig bewertet. Auch deinen möglichen Bremsweg hast du falsch eingeschätzt. Bei 70 km/h beträgt der normale Bremsweg knapp 50 Meter, bei einer Gefahrenbremsung (Vollbremsung) etwa die Hälfte. Es wäre also durchaus möglich gewesen, vor dem Traktor zum Stehen zu kommen.

Deine Entscheidung zum Zeitpunkt x war falsch! Trotzdem hast du ein gutes Ergebnis erzielt.

Jogi Löw hat vor dem Spiel gegen Italien mehrere Entscheidungen getroffen. Ob diese zum Zeitpunkt x richtig oder falsch waren, ist natürlich nur schwer und vielleicht nur durch sehr erfahrene Scouts bewertbar. Außerdem wäre die Bewertung seiner Taktikmaßnahmen wohl vollkommen anders ausgefallen, wenn Deutschland das Elfmeterschießen verloren hätte. Das aber hat nichts mehr mit der Taktik im Spiel zu tun. Trotzdem wurden die Entscheidungen vom Bundestrainer weitestgehend als gut bewertet. Aber einfach, weil die Italiener noch schlechter Elfmeter geschossen haben als wir.

Und was hat das jetzt mit Finanzen zu tun?

Stimmt. Ist ja ein Finanzblog hier 

Ganz einfach. Geldanlage und Altersvorsorge beinhalten sehr viele Faktoren wie Weltwirtschaftsklima, Bevölkerungsentwicklung, Kriege, Umweltkatastrophen und so weiter. Diese Faktoren münden am Ende des Tages in der Variablen Rendite. Wenn du Geld möglichst gewinnbringend anlegen möchtest, dann musst du allerlei Abschätzungen treffen. Bei Investitionen in Immobilien sind es die Abschätzung der Wertsteigerung, des möglichen Leerstandes oder anderer Risiken. Bei der Investition in Aktien, gehst du von einer bestimmten Entwicklung der Geldmärkte aus. Du musst abschätzen, wie sich bestimmte Regionen oder bestimmte Branchen in den nächsten Jahrzehnten entwickeln werden. Auf Basis der bekannten Größen und der wahrscheinlichen Entwicklung der genannten Größen, triffst du Entscheidungen für oder gegen bestimmte Aktien.

Diese Entscheidungen sind aber nur zum Zeitpunkt der Entscheidung richtig oder falsch. Im Nachhinein zu behaupten, besonders tolle Entscheidungen getroffen zu haben, ist Unsinn.

Gleichzeitig ist es aber wichtig, nicht den Kopf in den Sand zu stecke, sondern Entscheidungen überhaupt zu treffen. Nach bestem Wissen und Gewissen zum Zeitpunkt x. Alles andere kannst du nicht bewerten und nicht beeinflussen.

Hoffen wir, dass Bundes-Jogi für heute Abend die richtigen Entscheidungen trifft. Und dass diese – ob richtig oder falsch – zu einem guten Ergebnis und einem Sieg der deutschen Mannschaft führen 

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