Was nun, Herr Schulz?

Sonntagabend, 19:05 Uhr. Die Kinder sind früh im Bett. Meine Frau schwirrt irgendwo in der Wohnung umher.

Ich sitze auf der Couch und genieße das seltene Privileg der Fernsehbedienungs-Hoheit. Gutes Timing, denn um 19:20 Uhr beginnt eine der wenigen gesellschaftskritischen Sendungen. Im Prinzip gibt es davon im deutschen Fernsehen vor 20 Uhr nur genau zwei. Die Simpsons und Weltspiegel.
Kenner wissen: am Sonntagabend ist letzteres dran.

Allerdings sind es bis dahin noch zwanzig Minuten – daher beginne ich zu zappen. Weit komme ich aber nicht, denn bereits auf dem zweiten Programm finde ich die Ankündigung des Politikgespräches “Was nun, Herr Schulz?”. Martin Schulz ist bekanntlich frischgebackener Kanzlerkandidat und designierter SPD-Chef.

In der der Sendung stellt er sich den Fragen von ZDF-Chefredakteur Peter Frey und ZDF-Hauptstadtstudioleiterin Bettina Schausten. Wie wohl die meisten Deutschen, habe auch ich noch kein klares Bild von Marin Schulz. Das wäre ein Grund mal reinzuschauen. Andererseits titelte letztens die F.A.Z. Martin Schulz – Kandidat mit Stallgeruch. Aber zum Glück gibt es noch kein Geruchsfernsehen.

Während ich im Kopf noch “Ich bin der Martin, ne” von Dieter Krebs mitsinge, geht es auch schon los.

Das gesamte Interview dauert knapp zwanzig Minuten.


Quelle: YouTube

Was mir gefällt, ist das Selbstbewusstsein von Herrn Schulz. Er will die SPD zu stärksten Partei machen. Dabei soll soziale Gerechtigkeit das zentrale Wahlkampfthema der SPD werden.

Zu diesem Thema fallen mir drei Sequenzen besonders auf.

Herr Schulz über soziale Gerechtigkeit (ab 3:50 Min.)

Ein Zuschauer stellt über Facebook eine klare Frage:
Wird die SPD wieder sozialer? Hartz IV abschaffen, den Spitzensteuersatz wieder erhöhen, den Mindestlohn auf 10 €?.

Herr Schulz antwortet mit dem Verweis auf sichere Arbeitsplätze, höhere Einkommen und eine bessere Verteilung des Wohlstands. Die Frage beantwortet er damit überhaupt nicht. Wäre ich der Fragensteller, käme ich mir ziemlich verarscht vor. (Eine andere Formulierung ist hier nicht möglich.)

Herr Schulz über die Vermögenssteuer (ab 7:40 Min.)

Klare Frage von Fr. Schausten: Wird es mit der SPD zur Vermögenssteuer kommen?

Herr Schulz antwortet, dass die Hauptproblematik in der Steuerflucht liege. Es folgen beeindruckende, aber geschätzte Zahlen. Natürlich weiß Herr Schulz, dass er mit den rhetorischen Mitteln der Repetition (“Zweitausend Milliarden Euro, zwei Billionen Euro”) und der Symbolik (“durch die Lappen gehen”) von der eigentlichen Frage ablenken kann. Zumindest das hat er drauf.

Eine klare Antwort bleibt er aber auch hier schuldig.

Herr Schulz über die Abgeltungssteuer (ab 8:30 Min.)

Klare Frage von Hr. Frey: Wird die SPD die Abgeltungssteuer abschaffen?

Hier wird Martin Schulz sogar etwas unsicher und stockt. Er sagt, dass eine nationale Lösung nicht ausreichend sei. Das ist eigentlich die ultimative Ausweichantwort von Frau Merkel, wenn sie mal nicht weiter weiß. Auch hier enttäuscht mich Herr Schulz. Ein klares Ja oder Nein wäre doch möglich. Von mir aus mit dem Zusatz, dass man dies flächendeckend auf europäischer Ebene durchsetzen muss.

Genug von heißer Luft

Nach zehn Minuten stellt sich Langeweile ein. Konkrete Antworten gibt es keine. Meine Frau gesellt sich zu mir auf die Couch und wirft die Frage in den Raum, welche Farbe der Lippenstift von Martin Schulz hat. Das ist mein persönliches Highlight dieses Interviews.

Ich schalte auf ARD um. Aber auch dort wird es diesmal nicht besser. Es geht es um Trump, Dutertes und den Zusammenbruch des britischen Gesundheitssystems.

Nächstes Mal schaue ich wieder die Simpsons…

P.S. Hat Herr Schulz noch was spannendes gesagt?

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8 Gedanken zu „Was nun, Herr Schulz?

  • Januar 30, 2017 um 1:44 pm
    Permalink

    Ist das bei Politikern nicht der Normalfall, dass Fragen überhaupt nicht beantwortet werden?
    Ich kenne fast keinen Politiker, der richtig Stellung bezieht (und wenn nur bei relativ unbedeutenden Fragen). Es wird um den heißen Brei herumgeredet, damit man niemandem vor den Kopf stößt und keine möglichen Wähler abschreckt.

    Als Journalist würde mir in einer solchen Situation das irgendwann auch zuviel werden.
    Ich verstehe auch nicht, warum die aller meisten Journalisten dort auch nicht nachhaken und nochmal nachfragen, wie sie zu dem Thema stehen.

    Vielleicht haben sie es mittlerweile aber auch einfach aufgegeben, weil auch bei erneuter Frage nur das inhaltlich nicht aussagekräftige in anderer Verpackung wiedergegeben wird.

    Schöne Grüße
    Dominik

    Antwort
  • Januar 30, 2017 um 2:18 pm
    Permalink

    Hey Felix,
    ich habe früher recht gerne politische Talkshows gesehen. Mittlerweile überhaupt nicht mehr. Ich habe das Gefühl, dass es bei jeder Show nur um Selbstdarstellung geht. Dabei werden eher Monologe gehalten, als das es zu einer Diskussion käme. Auf direkte Fragen wird überhaupt nicht eingegangen, jeder scheint mittlerweile von PR-Beratern getrimmt zu sein. Wenn Schulz eine Chance haben will, muss er sich durch Klartext von Merkel absetzen. Auch auf die Gefahr hin, dabei einigen Wählern unbequeme Wahrheiten aufzuhalsen.

    Achja, als Alternativprogramm kann ich South Park empfehlen. Nicht alle Episoden sind gut aber insbesondere die gesellschaftskritischen sind exzellent!

    Beste Grüße
    Pascal

    Antwort
  • Januar 30, 2017 um 3:04 pm
    Permalink

    Ich hab mir mal die Zeit genommen und ihn mir bei Anne Will angeschaut. Auch hier keine klaren Antworten zu den konkreten Fragen, sondern nur schwammige Aussagen. Leider auch bei mir durchgefallen.

    Gruß
    Thomas

    Antwort
    • Januar 30, 2017 um 3:23 pm
      Permalink

      Chance vertan. Ich hatte auf frischen Wind gehofft. Dabei ist die Positionierung der SPD das zentrale Thema.
      Allerdings konnten sie sich auch schon als Koalitionspartner nicht durchsetzen.

      Antwort
  • Januar 30, 2017 um 3:07 pm
    Permalink

    Politische Bildung:
    Ich schaue manchmal “Die Anstalt” oder “Heute-Show”.
    Da gibt’s zwar auch keine Faktenn (sondern Ueberzeichnungen), aber wenigstens muss ich manchmal lachen …
    staerkt allerdings das Vertrauen in Politiker auch nur bedingt …

    Kennt jemand etwas, das Vertrauen staerken wuerde?
    Warum wurdest Du noch kein Politiker?

    Antwort
    • Januar 30, 2017 um 3:20 pm
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      Mir fehlen einfach klare Aussagen. Ich persönlich finde es auch gut, dass Trump das durchsetzt was er versprochen hat. Auch wenn ich es inhaltlich nicht teile.
      Meintest du mich mit deinem letzten Satz? Oder war es rhetorisch gemeint?

      Antwort
    • Januar 31, 2017 um 11:21 am
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      Interessanter Link. Was mich – unabhängig vom persönlichen politischen Standpunkt – nervt, ist diese beginnende Neiddebatte. Und das diese Debatte ohne Fakten und klare Versprechen geführt wird, macht die Sache noch schlimmer.

      Antwort

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